Keep Calm | Sollte man Kinder anschreien?

Der fast 2-Jährige schreit lauthals und steht mit ausgestreckten Armen vor mir. Er ist wütend, weil ich ihn nicht auf den Arm nehmen kann. Das neu geborene Baby weint, weil es Hunger hat. Den Trick mit dem Schnuller hat es schon längst raus und gemerkt, dass da keine Milch raus kommt. Im Topf brodelt es und kocht fast über. Das perfekte Chaos! Und da bricht es auch schon aus mir heraus. Ich kann es einfach nicht aufhalten. ES REICHT!!! brülle ich. Für einen Moment herrscht Ruhe, die Augen meines Kindes füllen sich mit Tränen. Und da tut es mir auch schon wieder leid. Ich fühle mich hundeelend. Ich wollte doch nie meine Kinder anschreien. Und dennoch ist es passiert.

Vor allem in Stresssituationen, die zu eskalieren drohen, ist es extrem schwierig, die Ruhe zu bewahren. Für mich sind das besonders die Momente, in denen ein unbeherrschbarer Geräuschpegel jegliches gutes Zureden übertönt und somit unmöglich macht. Es platzt dann einfach aus mir heraus. Hinterher fühle ich mich immer schlecht. Und vor allem bringt schreien bei meinem Kind nichts. Es weint danach nur noch lauter. Dann nehme ich meinen Sohn in den Arm und versichere ihm, dass alles gut ist. Ich habe es ja nicht so gemeint. Dann beruhigt er sich auch und alles ist vergessen.

Nie mehr Kinder anschreien – die Nervenprobe

Diesen Monat bin ich oft an meine Grenzen gekommen. Der Kindergarten ist geschlossen und ich habe außer Valentino noch ein Neugeborenes zu Hause. 24 Hours. Der Große langweilt sich und hat manchmal doch mit ein klein bisschen Eifersucht zu kämpfen. Auch wenn er sich als großer Bruder wirklich gut macht. Das Baby ist immerhin noch ein Baby und möchte noch viel auf dem Arm getragen werden. Da sind Konflikte vorprogrammiert. Beim x-ten Nervenzusammenbruch habe ich mir geschworen, dass ich nicht mehr schreien möchte. Es bringt ja auch nichts. Wenn ich laut schimpfe, heißt das nicht, dass danach Ruhe einkehrt und Valentino gehorcht. Also warum überhaupt schreien?

In der Ruhe liegt die Kraft

Eine meiner Stärken (bzw. Schwächen je nach dem) ist, dass ich immer die Ruhe weg habe. Wenn andere in totale Panik verfallen, bleibe ich meist ganz locker. Bis zum Schreianfall dauert es also… Wenn es aber doch passiert und ich lauter werde, ist das nur eine ganz natürliche Reaktion. Das ist zwar ok so, aber ich möchte versuchen, diesen Punkt vorher zu erkennen und ihn zu vermeiden.

Kinder anschreien ist meist eine emotionale Reaktion. Ob damit immer das Ziel erreicht wird, ist fraglich. Ich habe mir vorgenommen, mich eher darauf zu konzentrieren, was ich eigentlich in diesem Moment erreichen möchte. Ist das Ziel, das Mittagessen auf den Tisch zu bekommen, das Baby zu stillen und dabei den Großen ruhig zu stellen? Dann überlege dir zunächst, wie du das älteste Kind ablenken und beschäftigen kannst. Ein Buch lesen? Malen? Lego basteln? Und wenn das alles nicht interessant genug ist, lass dir beim kochen helfen. Gib ihm eine altersgerechte Aufgabe, um es mit einzubeziehen. Ist es ruhig, stille das Baby. Das Mittagessen kann dann erstmal warten. Wenn dann so langsam wieder Ruhe eingekehrt ist, kannst du alles andere erledigen.

Kinder spüren unsere Emotionen und begreifen sofort unsere Anspannungen. Wer in stressigen Situationen die Kontrolle verliert, überträgt das auch auf seine Kinder. Meist stressen wir uns selber durch unseren Zeitplan. Alles muss genau zu einem bestimmten Zeitpunkt so passieren, wie wir uns das vorstellen. Ein strukturierter Tagesablauf mit geregelten Zeiten ist gut. Er ist sogar das A und O für ein reibungsloses Geschehen. Stockt der Plan aber, weil absolutes Chaos ausbricht, ist Flexibilität gefragt. Eine Auszeit. Reflexion über das, was gerade passiert und warum.

Das Positive im Kind sehen

In der dänischen Kindererziehung wird in dem Verhalten des Kindes das Positive gesehen. Möchte das Kind unbedingt seinen Willen durchsetzen, wird das nicht als nerviges Trotzen angesehen. Man freut sich, dass das Kind einen starken Charakter hat und dafür kämpft, was es haben möchte. Manchmal kann so eine Sichtweise auch Konflikte und Schreien vermeiden.

Erziehen ohne auszurasten

Die Amerikanerin Sheila McCraith ist Mutter von 4 Jungs. Als sie mal wieder einen Wutanfall hatte, bemerkte sie nicht, dass fremde Leute im Haus waren. Ein paar Handwerker hörten ihr Geschrei und machten später schmunzelnd einen Kommentar: “Du bist hier also der Boss”. Sheila schämte sich so sehr dafür, dass sie sich schwor, 365 Tage lang nicht mit ihren Kindern zu schreien. Und sollte es ihr doch passieren, würde sie von vorne beginnen. Diese Herausforderung nannte sie die Orange Rhino Challenge. Bei der Auswahl des Namens haben ihr ihre Söhne geholfen.

Diese Challenge, bei der Kinder anschreien tabu ist, hat die vierfach Mama in einem Buch zusammengefasst: “Erziehen ohne auszurasten – Wie ich aufhörte meine Kinder anzuschreien und wie sie das auch schaffen”. Sie gibt Tipps zur Vorbereitung und Durchführung des Programms. Es gibt sogar ein Orange Rhino Arbeitsblatt. Ich habe es noch nicht gelesen, kann mir aber vorstellen, dass sie sehr humorvoll schreibt. Mit Sicherheit kommt der Spaßfaktor nicht zu kurz.

Impulse besser kontrollieren

Wenn einem danach ist, lauthals zu schreien, ist das nichts, wofür man sich schämen muss. Bevor dieser Impuls aus einem herauskommt, könnte man zum Beispiel den Raum verlassen, seine Wut gegen die Wand schreien und dann in Ruhe mit seinem Kind reden. Die Entscheidung, zu schreien oder nicht, wird in einem Bruchteil einer Sekunde getroffen. Man muss also lernen, diesen Punkt zu erkennen und den Impuls zu kontrollieren. Tipps zum weniger Schreien gibt es auch hier.

Wissenschaftler sagen, dass Kinder, die regelmäßig zu Hause angeschrien werden, dieselben psychischen Probleme davon tragen können, wie Kinder, die körperlich misshandelt werden. Klar, zwischen regelmäßigem Anschnauzen und gelegentlichem Schimpfen gibt es einen riesen Unterschied. Das Problem ist, wenn tagtägliches Kinder anschreien zur normalen Erziehung gehört und als Methode genutzt wird.

Das kritische Alter

Mein größtes Kind ist noch keine zwei Jahre alt. Anlässe zum wütend werden gab es von daher noch nicht so viele. Erst seit ein paar Monaten kommt es hin und wieder vor, dass er mich herausfordert. Wenn Kinder beginnen, sich ihrer Aktionen bewusst zu werden, testen sie auch aus, wie weit sie gehen können. Das ist der Moment, wo Eltern an ihre Grenzen kommen können. Die Nerven werden auf die Probe gestellt. Vorher machen Kinder ja nichts, was uns auf die Palme bringt. Bis dahin sind sie einfach nur süße Babys.

Wie geht ihr mit euren Emotionen um? Was haltet ihr vom Schreien?

Füge einen Kommentar hinzu.